Die Runenschrift der Wikinger | NORWIK

Die Runenschrift der Wikinger

Für Menschen, die in einer Buchkultur aufgewachsen sind, ist es schwer zu verstehen, wie Literatur und Bildung ohne sie existieren können. Und dennoch: obwohl die Wikinger keine Bücher hatten, bis sie unter den Einfluss des Christentums kamen, bedeutet dies nicht, dass sie keine Literatur oder sogar eine Art Wissenschaft hatten.

Die Runenschrift der Wikinger
© Klaudia Karpińska / hrafnphotography.wordpress.com

Obwohl sie Bücher nicht kannten, waren die heidnischen Wikinger keine schriftlose Gesellschaft. Sie verwendeten eine Schrift, deren Buchstaben »Runen« genannt wurden. Es ist heute Mode, den Benutzern des Runenalphabets allerlei magische Kräfte zuzuschreiben.

Dies ist Unsinn. Runen waren nichts als eine simple Buchstabenschrift, die verschiedenen Zwecken diente: dem Totengedächtnis, dem Recht, dem praktischen Leben. Magie war nur eine Art ihrer Anwendung und nicht einmal eine besonders wichtige.

Runen sind die Schriftzeichen, mit denen sich germanische Völker verewigten. Der Begriff „Runen“ bezieht sich dabei nicht auf ein einzelnes Alphabet, sondern sammelt mehrere germanische Alphabete, die sich allerdings sehr ähnlich sahen und nur geringe Unterschiede zueinander aufwiesen.

Symbole mit „magischem Inhalt“

Runen sind allerdings nicht nur als alte Schriftzeichen bekannt, sondern auch als symbolische Zeichen mit magischem Gehalt.

Die einzelnen Runen entstanden alle mit einer gewissen Bedeutung, die mit der germanischen Mythologie zusammenhing, sodass jede einzelne Rune eine individuelle Bedeutung und einen Stellenwert in der germanischen Magievorstellung hatte.

Verschiedene esoterische Glaubensrichtungen arbeiten auch heute noch mit den Runen germanischer Völker und haben sie auf diese Weise bis heute in der Erinnerung bewahrt.

Nicht speziell nordisch

Die Runenschrift war nicht einmal speziell nordisch. Frühe Runen wurden in verschiedenen Teilen Europas gefunden – in England, in den Niederlanden, in Deutschland und Mitteleuropa ebenso wie in Skandinavien und in Wikingergebieten im weiteren Sinne.

Aber im Norden lebten die Runen am längsten und hinterließen die meisten Zeugnisse. Sie erschienen lange vor der Wikingerzeit und blieben noch weit nach der Einführung des Christentums und der lateinischen Schrift, ja bis in die frühe Neuzeit hinein in Gebrauch.

In Skandinavien bildeten sich auch charakteristische, sehr vereinfachte Runenformen heraus. Die Runenschrift besteht eher aus geraden Strichen als aus Kurven, und man nimmt an, dass sie in dieser Form entwickelt wurde, um die Zeichen in Holz schnitzen zu können, da gerade Linien leichter in ein Material mit starker Faserung geschnitten werden können.

Bald wurden Runen aber auch auf anderen Materialien angebracht: Knochen, Metall und Stein.

Die Runenreihe

Zunächst umfasste die Runenreihe 24 Zeichen, aber am Beginn der Wikingerzeit hatte sich ihre Zahl auf 16 verringert – nicht genug, um alle Laute der altnordischen Sprache wiederzugeben.

Deshalb war die Orthographie sehr exzentrisch, was wiederum die wikingerzeitlichen Runentexte so schwer verständlich macht. Die eindrucksvollsten Zeugnisse der wikingerzeitlichen Runenschrift finden sich auf den Runensteinen.

Runen im alten Germanien

Runen waren bei germanischen Völkern als Alphabetschrift in Gebrauch. Das bedeutet, dass jeder Buchstabe für einen Laut stand. Die einzige Ausnahme war das Wort, für das die Rune stand – jede Rune hatte eine eigene Bedeutung, die sich aus der germanischen Mythologie herleiten lies.

Wurde dieses Wort ausgedrückt, konnte die Rune auch alleine stehen und war dann kein einzelner Laut mehr. In Gebrauch war die Runenschrift für einen recht langen Zeitraum: Nachweisen lässt sie sich ab dem 2. Jahrhundert n. Chr., die letzten Spuren finden sich im 14. Jahrhundert.

In den nordischen Ländern hielt sich die Runenschrift teilweise noch bis hinein ins 15. Jahrhundert.

Das Zentrum der Runenschrift war Südskandinavien, man findet sie in anderen germanischen Gebieten jedoch ebenfalls vereinzelt.

In Südskandinavien gab es im Mittelalter eine letzte Hochphase der Runen, in denen diese zur alltäglichen Kommunikation im Schriftverkehr verwendet wurden.

Je christlicher das germanische Gebiet jedoch wurde, desto seltener traf man noch auf Runen. Das lag sicherlich auch an ihrer häufigsten Verwendung unter den germanischen Völkern.

Eingesetzt wurden sie beispielsweise für Inschriften auf kultischen Gegenständen. Die Rune war ein eher dekoratives Element der germanischen Kultur, sie hing eng mit der Magie zusammen und wurde daher natürlich auch für religiöse und kulturelle Inschriften verwendet.

Historischer Einsatz der Rune

Die Rune war ein Buchstabe des Alphabets, zugleich aber ein mystisches Symbol für Elemente der germanischen Magie. Deswegen beschränkte sich der Einsatz der germanischen Schrift lange Zeit auf religiöse, kultische Verwendungszwecke.

Ähnlich wie ihre Nachbarn, die Kelten, waren die Germanen nie als Schriftvolk bekannt und es ist nur sehr wenig schriftlich von ihnen überliefert worden.

Etwas schriftfreundlicher als die Kelten waren sie dennoch, denn sie beschrifteten immerhin ihre religiös-kultischen Gegenstände und dokumentierten auf diese Weise ihre Bedeutung.

Runen sind aber auch auf Grabinschriften, Münzen, Gedenkstätten für Verstorbene oder Geschenke an wichtige Persönlichkeiten zu finden.

Runen wurden nicht nur zur Dokumentation eingesetzt, sondern auch, um ein Objekt zu weihen. Schließlich hatte jede Rune eine ganz eigene Bedeutung und mit ihrer Verwendung wurde diese auf den Gegenstand übertragen, der diese Rune nun trug.

Runen ritzen

Das Runen ritzen war und ist eine Erscheinung, die sich auf den Gebrauch der Rune als reines Schriftzeichen zurückführen lassen. Die Runen waren schon immer ein völkisches, von vielen einfachen Menschen verwendetes Alphabet, das zwar längst nicht jeder beherrschte, aber doch einige.

Bei Völkern wie den Wikingern war es keiner geistigen Oberschicht alleine vorbehalten, zumindest in Grundzügen schreiben zu können. Unter dem Runen ritzen versteht man eine Tradition, die sich bereits in germanischen Gesellschaften herausbildete und festigte.

Man verwendete dabei ein Trägermedium, in das eine kurze Botschaft geritzt wurde, und nutzte dabei das Runenalphabet. Für genau diesen Zweck waren Runen vermutlich auch konzipiert worden. Die einzelnen Runen bestehen ausschließlich aus Linien, nicht aber aus Wellen und anderen nicht geradlinigen Formen.

Man kann sie also ideal in Gegenstände ritzen, wofür ein gewisser Kraftaufwand erforderlich ist, der wellige Formen verhindert.

Bei den Botschaften handelte es sich nicht etwa um religiöse, spirituelle oder kultisch anspruchsvolle Botschaften, sondern oft nur um eine Botschaft von einem Verliebten oder um reines Graffiti an Wänden und Gebäuden.

Es sind beispielsweise Knochen oder andere alltägliche, ritzbare Gegenstände erhalten, auf denen sehr simple Botschaften von einem Menschen an seinen Geliebten zu finden sind.

Auf Galerien der Hagia Sophia in Byzanz finden sich ebenfalls Runen, die von nordischen Reisenden stammen, die Gefallen an einer frühen Form des Graffiti fanden.

Ähnliches lässt sich auch an einigen römischen Gebäuden beobachten, dort allerdings in lateinischer Schrift. Das Runen ritzen wurde nicht von der Kirche verfolgt, als die dunklen Zeitalter anbrachen.

Die Runen hatten schließlich keine magische, heidnische Bedeutung in diesem Zusammenhang und es handelte sich auch nicht um Zauberei, sondern lediglich um eine Angewohnheit unter einfachen Leuten des Nordens.

Daher konnte sich das Runen ritzen sehr lange halten und währte in einigen Regionen des nordischen Raums teilweise sogar noch länger als die Verwendung von Runen zu abergläubischen, religiös motivierten Zwecken wie der Weihung oder der völkischen Magie.

Die „Magie“ der Runenschrift

Heute gilt die Rune vielen als magisches Zeichen mit einer ganz eigenen Bedeutung, und jedem dieser Zeichen wohnt eine besondere Macht inne. Die Germanen sahen zwar auch eine Bedeutung in ihren Zeichen, während die Macht jedoch eher in der Schrift selbst lag.

Viele germanische Kulturen betrachteten die Kunst der Schrift als ein Geschenk einer Gottheit, die dem Menschen erst durch diesen gegeben worden war.

Auf diese Weise konnten sie das gesprochene Wort verewigen und Gegenstände weihen – die Werkzeuge dafür hatten sie von den Göttern erhalten.

Daher erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass Runen vor allem für kultische und religiöse Zwecke zur Verfügung standen und gar nicht allzu oft für den alltäglichen Schriftverkehr. Die heutige Auffassung von der Magie der Runen ergibt sich aus dem Bezug vieler Runen zu einer Gottheit oder einem Symbol, das mit einem göttlichen Wesen zusammenhing.

Eine einzelne Rune trägt natürlich die Eigenschaften der Gottheit in sich, die sie erschaffen hat, und erfüllt damit eine gewisse Schutz- oder Orakelfunktion. Diese steht im modernen Runenverständnis im Vordergrund, nicht aber der Ausdruck von gesprochenen Wörtern, wie es für eine Schrift typisch ist.

Runen im Nationalsozialismus

Runen haben als einzelne Schriftzeichen eine gewisse Bedeutung und sind daher ideal für den Missbrauch durch mythologisch orientierte Strömungen in der Politik. Das galt auch für das NS-Regime und seine philosophischen Grundlagen.

Ein gewisser, wenn auch indirekter Bezug auf die germanische Sagenwelt ist in vielen NS-Dokumenten und Quellen zu finden, weshalb auch die Runen nicht vor dem Missbrauch verschont blieben.

Die Grundlage dafür waren nationalistische Bewegungen in den Entstehungsländern der Runen, vorrangig in Schweden und Norwegen.

Bereits im 17. Jahrhundert erwachte ein nationalistischer Stolz der nordischen Völker auf ihre Runen, der allerdings noch nicht dem gefährlichen Bereich zuzuordnen gewesen wäre.

Die neuheidnische Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts fand in der vorchristlichen germanischen Kultur eine ideale Grundlage für den Antisemitismus, der zu vielen Organisationen gehörte.

Daher schlichen sich die Runen als Zeichen ein, die von nationalsozialistischen Organisationen und ihren Vorgängern nur zu gerne benutzt wurden – in falschem, ideologisch motiviertem Verständnis der Runenschrift, die natürlich niemals den Antisemitismus oder eine andere Form der Fremdenfeindlichkeit propagiert hatte.

Ganz im Gegenteil: Gastfreundschaft war auch im alten Germanien ein hohes Gut, auch gegenüber Ausländern. Besonders gerne missbraucht wurden die Sig-Rune sowie die Odalrune, und zwar durch die Hitlerjugend und die SS im Dritten Reich.

Runen als Orakel

Das allgemeine esoterische Interesse an der Rune keimte bereits im 19. Jahrhundert auf. Glücklicherweise konnte es sich nach dem 2. Weltkrieg in friedlichere Bahnen lenken lassen und verlor größtenteils seine völkische, fast schon abergläubische und nationalistische Bedeutung, die es im NS-Regime noch hatte.

Heute versteht man die Rune als Möglichkeit des Orakelns und bezieht sich damit auf Überlieferungen aus dem Römischen Reich, die beschreiben, wie die alten Germanen ihre Schriftzeichen für die Weissagung einsetzen.

Heutzutage wie damals kennt man die Runensteine: Dies sind Steine oder andere Trägermedien, auf die man eine Rune schreibt. Sie werden alle zusammen in eine Tüte gesteckt und man zieht anschließend eine Rune. Aus der Bedeutung und Ausrichtung der Rune ergibt sich die Botschaft.

Zunächst gibt es mehrere Trägermedien, auf die man eine Rune schreiben kann. Das Trägermedium hat selbst eine gewisse Bedeutung: Es hängt beispielsweise symbolisch mit Themen wie Liebe, Geld oder Familie zusammen.

Je nachdem, aus welchem Material die Runensteine bestehen, kann man zu verschiedenen Oberbegriffen eine spezifischere Frage stellen.

Die Rune selbst kann aus der Tüte gezogen werden, man kann die Steine aber auch werfen und sehen, ob sie umgedreht oder aufgedeckt, richtig oder falsch herum liegen.

Es gibt eine ganze Reihe von historisch belegten und modernen Methoden, mithilfe von Runen zu orakeln. Letztendlich kommt es darauf an, ob man die Rune richtig oder falsch herum zieht.

Richtig herum steht sie für die eigentliche Bedeutung der Rune, also beispielsweise für Schutz, Fruchtbarkeit oder Erfolg. Zieht man die Rune jedoch falsch herum, ist auch die Bedeutung umgekehrt: Sie kann also für Gefahr, Kinderlosigkeit oder drohende Misserfolge stehen.

Asatru Runen

Asatru ist eine moderne New Age-Glaubensrichtung, die sich auf die alten germanischen Gottheiten stützt. Die Runenmagie ist natürlich ein untrennbarer Teil dieser Glaubensrichtung. Im Asatru werden Runen vor allem für die Wahrsagerei eingesetzt, gelegentlich aber auch für den persönlichen Schutz.

Orakelt wird mit den Runen nach historischer Überlieferung: Sie werden entweder gezogen oder geworfen und anschließend interpretiert.

Schützende Funktionen bekommen die Runen, indem sie als Schriftzeichen verwendet werden.

Genau wie die germanischen Volker nutzen Asatru-Anhänger die Runen zur Beschriftung wichtiger Gegenstände, beispielsweise für Geschenke. Diese erhalten dadurch eine besondere Bedeutung und unterstehen dem Schutz durch die Runen, die sie tragen. Deswegen werden moderne kultische Gegenstände ebenfalls gerne mit Runen geweiht.

Runologie als Quelle

Die Runologie ist die Wissenschaft, die sich mit der Runenschrift befasst. Es geht in ihr um die Entstehung, Verbreitung und Verwendung der Runen, also um alle Themen, die mit der Runenschrift zu tun hatten.

Als Wissenschaft handelt es sich bei der Runologie um einen Teil der Germanistik oder Skandinavistik, je nachdem, mit welchen Völkern sich der Wissenschaftler nun konkret befasst. Bei der Erforschung der Runen und ihrer Verbreitung lassen sich Erkenntnisse darüber gewinnen, wann und wo die Völker am aktivsten waren, die die Runen gängigerweise verwendeten.

Vor allem über Wikingervölker kann die Runologie viele Erkenntnisse gewinnen, da sie in allen Gebieten anzutreffen waren, in denen man heute noch Runen nachweisen kann. Zentrum der Runenschrift war beispielsweise das dänische Jütland, das von Wikingervölkern besiedelt wurde und größtenteils durch ihre Kultur geprägt war.

Veränderungen der Runenschrift und ihres Einsatzes lassen sich auf geschichtliche Ereignisse in der Historie dieser Wikingervölker zurückführen. Gerade die Wikinger waren allerdings ein Volk, das im kompletten nordischen Raum vertreten war und durchaus weite Reisen auf sich nehmen konnte.

Daher deuten Runeninschriften in entlegenen nordischen Teilen der Welt darauf hin, dass sie bereits in früheren Jahrhunderten besiedelt oder zumindest bekannt warne und gelegentlich aufgesucht wurden. Die Runologie liefert aber auch Erkenntnisse über die Zeit der Völkerwanderung, die nicht ausschließlich Wikinger betraf.

Runen in der Moderne – nicht nur esoterisch

Runen haben sich bis in die Moderne hinein erhalten. Das ist selten für eine Schrift, die nur phasenweise als Alphabet für den Schriftverkehr eingesetzt wurde. Runen wurden vor allem vom Volk verwendet, das zumindest ansatzweise schreiben und sich Botschaften in Gegenstände ritzen konnte.

Runennritzen war eine Tradition, die sich im gesamten Mittelalter in denjenigen Gebieten hielt, in denen Runen bereits früher bekannt waren. Gerade in Skandinavien waren Runen bis hinein ins 16. Jahrhundert gelegentlich noch im Einsatz, wenn auch nicht als offizielles Alphabet für den alltäglichen Schriftverkehr.

Eine Ausnahme bildete die schwedische Provinz Dalarna: Dort lassen sich Runen bis ins 19. Jahrhundert hinein nachweisen, wo sie vor allem traditionsgemäß auf Träger geritzt und als Nachricht an andere wichtige Menschen im Leben einer Einzelperson geschickt wurden.

Man kann also von einem Nebeneinander der lateinischen Standardschrift und der Runenschrift sprechen, auch nachdem Völker wie die Wikinger längst nicht mehr existierten.

Das isländische Alphabet enthält sogar heute noch einen Buchstaben, den es in keinem anderen Alphabet gibt und der sich auf eine Rune zurückführen lässt: Þ (thorn). Es handelt sich dabei um einen th-Laut, der in der Alltagssprache auch vorkommt und parallel zum tatsächlichen th genutzt wird.

Die Runenschrift der Wikinger 4.50/5 20

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