Gesellschaft Der Wikinger | NORWIK

Silber in der Wikingerzeit

Über 60000 arabische Silbermünzen aus der Wikingerzeit hat man in Skandinavien gefunden. Man bezeichnet sie manchmal als kufische Münzen, da die Schrift auf den Münzen ihren Namen von der Stadt Kufah in Mesopotamien erhielt.

Ihre Inschriften sind besonders informativ, da sie den Namen des Prägeortes und das Prägedatum nennen.

Silber in der Wikingerzeit
© Ian Richardson / Flickr: Group shot of the artefacts

Die Wikingerhändler führten stets eine kleine Silberwaage mit sich. Man konnte sie zusammenlegen, so dass sie in eine kleine Schachtel passte.

Während der Wikingerzeit benutzte man in den meisten Teilen Skandinaviens Münzen nicht als Zahlungsmittel, alles Silber und Gold behandelte man wie Barren; es wurde vom Händler mit seiner tragbaren (und genial zusammenklappbaren) Waage gewogen. Unter diesen Umständen war es uninteressant, das wertvolle Metall in Münz Form aufzubewahren.

Man schmolz es ein und goss es in Barren, meist aber verarbeitete man es zu Schmuck, so dass der Besitzer seinen Wohlstand in auffälliger Weise zeigen konnte. Sowohl Barren als auch Schmuck konnte man später teilen, wenn man „Kleingeld“ benötigte.

Silberschätze der Wikinger

Silberschätze der Wikinger, von ihren Eigentümern aus Sicherheitsgründen vergraben, setzen sich daher meist aus den verschiedenartigsten Gegenständen zusammen: Münzen und Barren, Broschen, Anhänger, Halsreifen, Armreifen, Fingerringe – alles in vollständiger Form oder zerlegt (sogenanntes „Hacksilber“).

Weit über 1000 Silber- und einige Goldschätze fand man im Skandinavien der Wikingerzeit, obwohl es damals dort keine einheimischen Quellen für diese Metalle gab. Angesichts dieser Beweise gibt es keinen Zweifel am Erfolg der Wikinger bei der Anhäufung großer Reichtümer, sei es auf geraden oder krummen Wegen.

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Charakterzüge der Wikinger

Was waren die Wikinger für Leute? Worin bestand das Eigentümliche ihrer Lebensweise, ihrer Art zu kämpfen und ihrer Entdeckungs-, Handels- und Eroberungsfahrten?

Charakterzüge der Wikinger
© Klaudia Karpińska / hrafnphotography.wordpress.com

Sie nehmen in der Geschichte einen besonderen Platz ein, weil sie Charakterzüge aufwiesen, die in der frühen mittelalterlichen Welt ungewöhnlich waren, und Verhaltensweisen zeigten, die ihrer Natur und ihrem Willen zum Überleben entsprangen.

Unter diesen Eigenschaften waren Kühnheit und Treue, Gewandtheit im Gebrauch von Waffen, persönliche Tapferkeit und die Bereitschaft, große Wagnisse einzugehen und dafür auch das Leben einzusetzen. Nicht nur die Verteidigung ihrer Höfe und Besitztümer, sondern auch ihr Erfolg auf Beutezügen hingen ab von ihrer Kampfbereitschaft.

Das erste, was ein Junge in den Wikingerländern lernte, war, mit Pfeil und Bogen zu schießen, Schwert und Axt zu führen und mit dem Speer eine Scheibe zu treffen. Vor allem anderen sehnte er sich nach dem Vorrecht, auf Wikingerfahrt zu gehen, und das hieß, an einem Beutezug an fernen Küsten teilzunehmen.

Er wusste, dass sich seine Kampftüchtigkeit auf waghalsigen Seereisen bewähren musste, wenn er einen festen Platz in der Wikinger-Gesellschaft finden wollte.

Wie sahen die Wikinger aus?

Die Wikinger benahmen sich nicht nur wie Krieger, sondern sahen auch so aus. Natürlich trugen sie keine Uniformen; doch sie waren ziemlich einheitlich gekleidet. Die Beine ihrer warmen Wollhosen wurden mit den Riemen der Lederschuhe eng um die Waden geschnürt. Der langärmelige weiße Rock reichte bis zu den Knien.

Darüber zog man häufig noch ein Kettenhemd aus unzähligen ineinander verschlungenen kleinen Eisenringen. Schließlich trugen manche noch einen langen Mantel von roter, orangener, blauer oder purpurner Farbe, der oben eine Kapuze hatte, die man bei Regen über den Kopf ziehen konnte.

Um den Leib trugen die Wikinger einen Ledergurt mit Schnallen aus Gold und Silber, um die Handgelenke und Oberarme Reifen aus Gold. Als Kopfschutz diente ihnen in der Schlacht ein runder oder konisch zugespitzter Helm aus Metall oder dickem Leder, der gelegentlich mit einem Nasenschutz versehen war.

Helme in Form von Tierköpfen mit Schwingen oder Hörnern gab es nur selten; sie waren offenbar den Anführern und Leuten aus vornehmem Geschlecht vorbehalten.

Das Haar trug man so lang, dass es den Nacken bedeckte; üblich waren auch Schnurrbärte und spitz gestutzte Kinnbärte. Die Wikinger führten Speere sowie Pfeil und Bogen, doch damit kämpften sie nur so lange, bis ihr Vorrat an Pfeilen aufgebraucht und der Speer gegen den Feind geschleudert waren.

Andere Zeichen und Inschriften dienten offenbar als Zauber gegen den Feind oder als Anrufung an Götter. Die Schilde waren kreisrunde Scheiben aus Holz mit einem metallenen Buckel in der Mitte, in dem der Handgriff auf der Innenseite verankert war.

Holz scheint zwar ein schwaches Material für ein Waffenstück zu sein, doch mit diesem Schild konnte man durchaus Speere oder Pfeile ablenken und einen Schwertschlag oder Axthieb abhalten.

Standarten und Flaggen

Während Könige und Stammesfürsten persönliche Flaggen und Standarten hatten, hatte die Flagge, die den Wikingern in den Schlachten vorangetragen wurde, eine eigene Bedeutung für die Gefolgschaft. Sie zeigte einen Raben im Flug nach vorwärts.

Der Rabe konnte nur dann “fliegen”, wenn das Banner stetig vorwärts durch den Wind getragen wurde. Wenn die Angreifer zögerten oder vor dem Kampf zurückschreckten, sank der Rabe hinab und hing schlaff am Flaggenstock; dann kündigte er den Wikingern Unheil an.

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Wikingerkunst

Die Kraft und Vitalität der Wikinger kam auch in ihrer Kunst zum Ausdruck. Die Wikingerkunst wirkt oft ruhelos; sehr häufig handelt es sich um wallende Massen von Ornamenten, die aus stilisierten Tierkörpern bestehen.

Wikingerkunst
© Klaudia Karpińska / hrafnphotography.wordpress.com

Verzerrte und verrenkte Tiere bildeten die Grundformen der skandinavischen Ornamentik seit dem 5. Jahrhundert und sie blieben es auch während der Wikingerzeit. Die Kunst der Wikinger wurzelte also in einer jahrhundertealten Tradition. Gleichzeitig war sie gegenüber neuen Einflüssen offen.

Sie besaß genug Selbstvertrauen, um sich durch Fremdes inspirieren zu lassen, sie übernahm neue Motive aus Westeuropa, adaptierte sie ohne sklavische Nachahmung, ihren eigenen Gewohnheiten entsprechend.

Dieser Prozess dauerte an, bis mit der Erschöpfung jener Kraft, die ein Kennzeichen der Wikingerzeit war, die einheimische Kunst dekadente Züge entwickelte.

Dann, als sich Skandinavien in die Gemeinschaft der christlichen Nationalstaaten einfügte, übernahm es die neue Romanische Kunst, die Europa eroberte.

Angewandte Kunst

Nur weniges im Skandinavien der Wikingerzeit können wir als reine Kunst bezeichnen. Die Wikingerkunst ist fast immer angewandte Kunst, Verzierung von Gebrauchsgegenständen.

Aber die Wikinger besaßen eine Vorliebe für Ornamente, daher bekamen ihre Holzschnitzer und Kunstschmiede jede Gelegenheit, ihr Können bei der Herstellung von Gebrauchsgegenständen und Schmuck zu beweisen, die Glanz und Farbe in den Alltag brachten.

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Die Runenschrift der Wikinger

Für Menschen, die in einer Buchkultur aufgewachsen sind, ist es schwer zu verstehen, wie Literatur und Bildung ohne sie existieren können. Und dennoch: obwohl die Wikinger keine Bücher hatten, bis sie unter den Einfluss des Christentums kamen, bedeutet dies nicht, dass sie keine Literatur oder sogar eine Art Wissenschaft hatten.

Die Runenschrift der Wikinger
© Klaudia Karpińska / hrafnphotography.wordpress.com

Obwohl sie Bücher nicht kannten, waren die heidnischen Wikinger keine schriftlose Gesellschaft. Sie verwendeten eine Schrift, deren Buchstaben »Runen« genannt wurden. Es ist heute Mode, den Benutzern des Runenalphabets allerlei magische Kräfte zuzuschreiben.

Dies ist Unsinn. Runen waren nichts als eine simple Buchstabenschrift, die verschiedenen Zwecken diente: dem Totengedächtnis, dem Recht, dem praktischen Leben. Magie war nur eine Art ihrer Anwendung und nicht einmal eine besonders wichtige.

Runen sind die Schriftzeichen, mit denen sich germanische Völker verewigten. Der Begriff „Runen“ bezieht sich dabei nicht auf ein einzelnes Alphabet, sondern sammelt mehrere germanische Alphabete, die sich allerdings sehr ähnlich sahen und nur geringe Unterschiede zueinander aufwiesen.

Symbole mit „magischem Inhalt“

Runen sind allerdings nicht nur als alte Schriftzeichen bekannt, sondern auch als symbolische Zeichen mit magischem Gehalt.

Die einzelnen Runen entstanden alle mit einer gewissen Bedeutung, die mit der germanischen Mythologie zusammenhing, sodass jede einzelne Rune eine individuelle Bedeutung und einen Stellenwert in der germanischen Magievorstellung hatte.

Verschiedene esoterische Glaubensrichtungen arbeiten auch heute noch mit den Runen germanischer Völker und haben sie auf diese Weise bis heute in der Erinnerung bewahrt.

Nicht speziell nordisch

Die Runenschrift war nicht einmal speziell nordisch. Frühe Runen wurden in verschiedenen Teilen Europas gefunden – in England, in den Niederlanden, in Deutschland und Mitteleuropa ebenso wie in Skandinavien und in Wikingergebieten im weiteren Sinne.

Aber im Norden lebten die Runen am längsten und hinterließen die meisten Zeugnisse. Sie erschienen lange vor der Wikingerzeit und blieben noch weit nach der Einführung des Christentums und der lateinischen Schrift, ja bis in die frühe Neuzeit hinein in Gebrauch.

In Skandinavien bildeten sich auch charakteristische, sehr vereinfachte Runenformen heraus. Die Runenschrift besteht eher aus geraden Strichen als aus Kurven, und man nimmt an, dass sie in dieser Form entwickelt wurde, um die Zeichen in Holz schnitzen zu können, da gerade Linien leichter in ein Material mit starker Faserung geschnitten werden können.

Bald wurden Runen aber auch auf anderen Materialien angebracht: Knochen, Metall und Stein.

Die Runenreihe

Zunächst umfasste die Runenreihe 24 Zeichen, aber am Beginn der Wikingerzeit hatte sich ihre Zahl auf 16 verringert – nicht genug, um alle Laute der altnordischen Sprache wiederzugeben.

Deshalb war die Orthographie sehr exzentrisch, was wiederum die wikingerzeitlichen Runentexte so schwer verständlich macht. Die eindrucksvollsten Zeugnisse der wikingerzeitlichen Runenschrift finden sich auf den Runensteinen.

Runen im alten Germanien

Runen waren bei germanischen Völkern als Alphabetschrift in Gebrauch. Das bedeutet, dass jeder Buchstabe für einen Laut stand. Die einzige Ausnahme war das Wort, für das die Rune stand – jede Rune hatte eine eigene Bedeutung, die sich aus der germanischen Mythologie herleiten lies.

Wurde dieses Wort ausgedrückt, konnte die Rune auch alleine stehen und war dann kein einzelner Laut mehr. In Gebrauch war die Runenschrift für einen recht langen Zeitraum: Nachweisen lässt sie sich ab dem 2. Jahrhundert n. Chr., die letzten Spuren finden sich im 14. Jahrhundert.

In den nordischen Ländern hielt sich die Runenschrift teilweise noch bis hinein ins 15. Jahrhundert.

Das Zentrum der Runenschrift war Südskandinavien, man findet sie in anderen germanischen Gebieten jedoch ebenfalls vereinzelt.

In Südskandinavien gab es im Mittelalter eine letzte Hochphase der Runen, in denen diese zur alltäglichen Kommunikation im Schriftverkehr verwendet wurden.

Je christlicher das germanische Gebiet jedoch wurde, desto seltener traf man noch auf Runen. Das lag sicherlich auch an ihrer häufigsten Verwendung unter den germanischen Völkern.

Eingesetzt wurden sie beispielsweise für Inschriften auf kultischen Gegenständen. Die Rune war ein eher dekoratives Element der germanischen Kultur, sie hing eng mit der Magie zusammen und wurde daher natürlich auch für religiöse und kulturelle Inschriften verwendet.

Historischer Einsatz der Rune

Die Rune war ein Buchstabe des Alphabets, zugleich aber ein mystisches Symbol für Elemente der germanischen Magie. Deswegen beschränkte sich der Einsatz der germanischen Schrift lange Zeit auf religiöse, kultische Verwendungszwecke.

Ähnlich wie ihre Nachbarn, die Kelten, waren die Germanen nie als Schriftvolk bekannt und es ist nur sehr wenig schriftlich von ihnen überliefert worden.

Etwas schriftfreundlicher als die Kelten waren sie dennoch, denn sie beschrifteten immerhin ihre religiös-kultischen Gegenstände und dokumentierten auf diese Weise ihre Bedeutung.

Runen sind aber auch auf Grabinschriften, Münzen, Gedenkstätten für Verstorbene oder Geschenke an wichtige Persönlichkeiten zu finden.

Runen wurden nicht nur zur Dokumentation eingesetzt, sondern auch, um ein Objekt zu weihen. Schließlich hatte jede Rune eine ganz eigene Bedeutung und mit ihrer Verwendung wurde diese auf den Gegenstand übertragen, der diese Rune nun trug.

Runen ritzen

Das Runen ritzen war und ist eine Erscheinung, die sich auf den Gebrauch der Rune als reines Schriftzeichen zurückführen lassen. Die Runen waren schon immer ein völkisches, von vielen einfachen Menschen verwendetes Alphabet, das zwar längst nicht jeder beherrschte, aber doch einige.

Bei Völkern wie den Wikingern war es keiner geistigen Oberschicht alleine vorbehalten, zumindest in Grundzügen schreiben zu können. Unter dem Runen ritzen versteht man eine Tradition, die sich bereits in germanischen Gesellschaften herausbildete und festigte.

Man verwendete dabei ein Trägermedium, in das eine kurze Botschaft geritzt wurde, und nutzte dabei das Runenalphabet. Für genau diesen Zweck waren Runen vermutlich auch konzipiert worden. Die einzelnen Runen bestehen ausschließlich aus Linien, nicht aber aus Wellen und anderen nicht geradlinigen Formen.

Man kann sie also ideal in Gegenstände ritzen, wofür ein gewisser Kraftaufwand erforderlich ist, der wellige Formen verhindert.

Bei den Botschaften handelte es sich nicht etwa um religiöse, spirituelle oder kultisch anspruchsvolle Botschaften, sondern oft nur um eine Botschaft von einem Verliebten oder um reines Graffiti an Wänden und Gebäuden.

Es sind beispielsweise Knochen oder andere alltägliche, ritzbare Gegenstände erhalten, auf denen sehr simple Botschaften von einem Menschen an seinen Geliebten zu finden sind.

Auf Galerien der Hagia Sophia in Byzanz finden sich ebenfalls Runen, die von nordischen Reisenden stammen, die Gefallen an einer frühen Form des Graffiti fanden.

Ähnliches lässt sich auch an einigen römischen Gebäuden beobachten, dort allerdings in lateinischer Schrift. Das Runen ritzen wurde nicht von der Kirche verfolgt, als die dunklen Zeitalter anbrachen.

Die Runen hatten schließlich keine magische, heidnische Bedeutung in diesem Zusammenhang und es handelte sich auch nicht um Zauberei, sondern lediglich um eine Angewohnheit unter einfachen Leuten des Nordens.

Daher konnte sich das Runen ritzen sehr lange halten und währte in einigen Regionen des nordischen Raums teilweise sogar noch länger als die Verwendung von Runen zu abergläubischen, religiös motivierten Zwecken wie der Weihung oder der völkischen Magie.

Die „Magie“ der Runenschrift

Heute gilt die Rune vielen als magisches Zeichen mit einer ganz eigenen Bedeutung, und jedem dieser Zeichen wohnt eine besondere Macht inne. Die Germanen sahen zwar auch eine Bedeutung in ihren Zeichen, während die Macht jedoch eher in der Schrift selbst lag.

Viele germanische Kulturen betrachteten die Kunst der Schrift als ein Geschenk einer Gottheit, die dem Menschen erst durch diesen gegeben worden war.

Auf diese Weise konnten sie das gesprochene Wort verewigen und Gegenstände weihen – die Werkzeuge dafür hatten sie von den Göttern erhalten.

Daher erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass Runen vor allem für kultische und religiöse Zwecke zur Verfügung standen und gar nicht allzu oft für den alltäglichen Schriftverkehr. Die heutige Auffassung von der Magie der Runen ergibt sich aus dem Bezug vieler Runen zu einer Gottheit oder einem Symbol, das mit einem göttlichen Wesen zusammenhing.

Eine einzelne Rune trägt natürlich die Eigenschaften der Gottheit in sich, die sie erschaffen hat, und erfüllt damit eine gewisse Schutz- oder Orakelfunktion. Diese steht im modernen Runenverständnis im Vordergrund, nicht aber der Ausdruck von gesprochenen Wörtern, wie es für eine Schrift typisch ist.

Runen im Nationalsozialismus

Runen haben als einzelne Schriftzeichen eine gewisse Bedeutung und sind daher ideal für den Missbrauch durch mythologisch orientierte Strömungen in der Politik. Das galt auch für das NS-Regime und seine philosophischen Grundlagen.

Ein gewisser, wenn auch indirekter Bezug auf die germanische Sagenwelt ist in vielen NS-Dokumenten und Quellen zu finden, weshalb auch die Runen nicht vor dem Missbrauch verschont blieben.

Die Grundlage dafür waren nationalistische Bewegungen in den Entstehungsländern der Runen, vorrangig in Schweden und Norwegen.

Bereits im 17. Jahrhundert erwachte ein nationalistischer Stolz der nordischen Völker auf ihre Runen, der allerdings noch nicht dem gefährlichen Bereich zuzuordnen gewesen wäre.

Die neuheidnische Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts fand in der vorchristlichen germanischen Kultur eine ideale Grundlage für den Antisemitismus, der zu vielen Organisationen gehörte.

Daher schlichen sich die Runen als Zeichen ein, die von nationalsozialistischen Organisationen und ihren Vorgängern nur zu gerne benutzt wurden – in falschem, ideologisch motiviertem Verständnis der Runenschrift, die natürlich niemals den Antisemitismus oder eine andere Form der Fremdenfeindlichkeit propagiert hatte.

Ganz im Gegenteil: Gastfreundschaft war auch im alten Germanien ein hohes Gut, auch gegenüber Ausländern. Besonders gerne missbraucht wurden die Sig-Rune sowie die Odalrune, und zwar durch die Hitlerjugend und die SS im Dritten Reich.

Runen als Orakel

Das allgemeine esoterische Interesse an der Rune keimte bereits im 19. Jahrhundert auf. Glücklicherweise konnte es sich nach dem 2. Weltkrieg in friedlichere Bahnen lenken lassen und verlor größtenteils seine völkische, fast schon abergläubische und nationalistische Bedeutung, die es im NS-Regime noch hatte.

Heute versteht man die Rune als Möglichkeit des Orakelns und bezieht sich damit auf Überlieferungen aus dem Römischen Reich, die beschreiben, wie die alten Germanen ihre Schriftzeichen für die Weissagung einsetzen.

Heutzutage wie damals kennt man die Runensteine: Dies sind Steine oder andere Trägermedien, auf die man eine Rune schreibt. Sie werden alle zusammen in eine Tüte gesteckt und man zieht anschließend eine Rune. Aus der Bedeutung und Ausrichtung der Rune ergibt sich die Botschaft.

Zunächst gibt es mehrere Trägermedien, auf die man eine Rune schreiben kann. Das Trägermedium hat selbst eine gewisse Bedeutung: Es hängt beispielsweise symbolisch mit Themen wie Liebe, Geld oder Familie zusammen.

Je nachdem, aus welchem Material die Runensteine bestehen, kann man zu verschiedenen Oberbegriffen eine spezifischere Frage stellen.

Die Rune selbst kann aus der Tüte gezogen werden, man kann die Steine aber auch werfen und sehen, ob sie umgedreht oder aufgedeckt, richtig oder falsch herum liegen.

Es gibt eine ganze Reihe von historisch belegten und modernen Methoden, mithilfe von Runen zu orakeln. Letztendlich kommt es darauf an, ob man die Rune richtig oder falsch herum zieht.

Richtig herum steht sie für die eigentliche Bedeutung der Rune, also beispielsweise für Schutz, Fruchtbarkeit oder Erfolg. Zieht man die Rune jedoch falsch herum, ist auch die Bedeutung umgekehrt: Sie kann also für Gefahr, Kinderlosigkeit oder drohende Misserfolge stehen.

Asatru Runen

Asatru ist eine moderne New Age-Glaubensrichtung, die sich auf die alten germanischen Gottheiten stützt. Die Runenmagie ist natürlich ein untrennbarer Teil dieser Glaubensrichtung. Im Asatru werden Runen vor allem für die Wahrsagerei eingesetzt, gelegentlich aber auch für den persönlichen Schutz.

Orakelt wird mit den Runen nach historischer Überlieferung: Sie werden entweder gezogen oder geworfen und anschließend interpretiert.

Schützende Funktionen bekommen die Runen, indem sie als Schriftzeichen verwendet werden.

Genau wie die germanischen Volker nutzen Asatru-Anhänger die Runen zur Beschriftung wichtiger Gegenstände, beispielsweise für Geschenke. Diese erhalten dadurch eine besondere Bedeutung und unterstehen dem Schutz durch die Runen, die sie tragen. Deswegen werden moderne kultische Gegenstände ebenfalls gerne mit Runen geweiht.

Runologie als Quelle

Die Runologie ist die Wissenschaft, die sich mit der Runenschrift befasst. Es geht in ihr um die Entstehung, Verbreitung und Verwendung der Runen, also um alle Themen, die mit der Runenschrift zu tun hatten.

Als Wissenschaft handelt es sich bei der Runologie um einen Teil der Germanistik oder Skandinavistik, je nachdem, mit welchen Völkern sich der Wissenschaftler nun konkret befasst. Bei der Erforschung der Runen und ihrer Verbreitung lassen sich Erkenntnisse darüber gewinnen, wann und wo die Völker am aktivsten waren, die die Runen gängigerweise verwendeten.

Vor allem über Wikingervölker kann die Runologie viele Erkenntnisse gewinnen, da sie in allen Gebieten anzutreffen waren, in denen man heute noch Runen nachweisen kann. Zentrum der Runenschrift war beispielsweise das dänische Jütland, das von Wikingervölkern besiedelt wurde und größtenteils durch ihre Kultur geprägt war.

Veränderungen der Runenschrift und ihres Einsatzes lassen sich auf geschichtliche Ereignisse in der Historie dieser Wikingervölker zurückführen. Gerade die Wikinger waren allerdings ein Volk, das im kompletten nordischen Raum vertreten war und durchaus weite Reisen auf sich nehmen konnte.

Daher deuten Runeninschriften in entlegenen nordischen Teilen der Welt darauf hin, dass sie bereits in früheren Jahrhunderten besiedelt oder zumindest bekannt warne und gelegentlich aufgesucht wurden. Die Runologie liefert aber auch Erkenntnisse über die Zeit der Völkerwanderung, die nicht ausschließlich Wikinger betraf.

Runen in der Moderne – nicht nur esoterisch

Runen haben sich bis in die Moderne hinein erhalten. Das ist selten für eine Schrift, die nur phasenweise als Alphabet für den Schriftverkehr eingesetzt wurde. Runen wurden vor allem vom Volk verwendet, das zumindest ansatzweise schreiben und sich Botschaften in Gegenstände ritzen konnte.

Runennritzen war eine Tradition, die sich im gesamten Mittelalter in denjenigen Gebieten hielt, in denen Runen bereits früher bekannt waren. Gerade in Skandinavien waren Runen bis hinein ins 16. Jahrhundert gelegentlich noch im Einsatz, wenn auch nicht als offizielles Alphabet für den alltäglichen Schriftverkehr.

Eine Ausnahme bildete die schwedische Provinz Dalarna: Dort lassen sich Runen bis ins 19. Jahrhundert hinein nachweisen, wo sie vor allem traditionsgemäß auf Träger geritzt und als Nachricht an andere wichtige Menschen im Leben einer Einzelperson geschickt wurden.

Man kann also von einem Nebeneinander der lateinischen Standardschrift und der Runenschrift sprechen, auch nachdem Völker wie die Wikinger längst nicht mehr existierten.

Das isländische Alphabet enthält sogar heute noch einen Buchstaben, den es in keinem anderen Alphabet gibt und der sich auf eine Rune zurückführen lässt: Þ (thorn). Es handelt sich dabei um einen th-Laut, der in der Alltagssprache auch vorkommt und parallel zum tatsächlichen th genutzt wird.

Die Runenschrift der Wikinger 4.50/5 20

Wikingermythos

Der heutige Wikingermythos sieht die Wikinger in erster Linie als Männer, sei es als Krieger, als Seefahrer oder als Siedler. Das uns geläufige „heldische Lebensgefühl” der Wikingerzeit legt eine an Machismo grenzende Verehrung von üblicherweise als männlich apostrophierten Eigenschaften nahe. Auch die solidesten wissenschaftlichen Darstellungen können sich dieser Versuchung nicht entziehen.

Wikingermythos
© Klaudia Karpińska / hrafnphotography.wordpress.com

Auf den Schiffen jener beutegierigen Wikinger, die zu ihren ersten Überfällen nach Friesland oder England aufbrachen, befanden sich wohl tatsächlich ausschließlich Männer, und von Frauen auf Wikingerzügen hören wir indirekt erst Mitte des 9. Jahrhunderts, als die ersten Skandinavier in Frankreich zu überwintern beginnen.

Plünder- Handelsfahrten

Aber auch wenn sich das Gros der Kämpfer aus jüngeren Söhnen kinderreicher Familien zusammengesetzt haben mag, wie uns die Begründungen einiger zeitgenössischer Quellen glauben machen wollen.

So ist als Resultat der Plünderfahrten ebenso wie auch der Handelsfahrten in den Osten zahlreicher männlicher Skandinavier eine noch größere Zahl von Frauen und Müttern zu sehen, die während der monatelangen Abwesenheit ihrer Männer die Wirtschaft von Höfen jeder Größenordnung zu übernehmen hatten.

Dazu kam, dass die zahlreichen auf Heerzügen gefallenen Männer zweifellos auch Witwen in schwierigen sozialen Verhältnissen zurückließen.

Selbst eine zahlreiche Nachkommenschaft, wie sie die verschiedentlich für das wikingerzeitliche Skandinavien postulierte Mehrehe förderte, war angesichts der hohen Kindersterblichkeit keine Garantie für die soziale Absicherung gerade der Frauen.

Wikingermythos 4.42/5 12

Die soziale Stellung der Wikingerfrau

Insgesamt sind die Auskünfte der Quellen über die soziale Stellung der Frau höchst unbefriedigend. Zwar gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Veröffentlichungen, die sich mit den Frauen der Wikingerzeit beschäftigen, doch haben auch sie keine endgültige Klarheit über die Rolle der Geschlechter im wikingerzeitlichen Skandinavien gewinnen können.

Zu widersprüchlich sind die wenigen überlieferten Aussagen über Rechte und Einflussreichstem der Frau.

Die soziale Stellung der Wikingerfrau
© Klaudia Karpińska / hrafnphotography.wordpress.com

Innerhalb Skandinaviens Muss man für die soziale Rolle der Frau offenbar mit großen regionalen und zeitlichen Unterschieden rechnen: im vendelzeitlichen, also vorwikingerzeitlichen schwedischen Uppland kann man in Valsgärde in einem über 300 Jahre lang belegten Grabfeld feststellen, dass die Bootsgräber über den ganzen Zeitraum den Männern vorbehalten waren.

Die meist karger ausgestatteten Brandgräber den Frauen; aber unweit davon, in Tuna, verhält es sich umgekehrt: hier liegen viele Männer in eher ärmlichen Brandgräbern, daneben finden sich aber zahlreiche Generationen von reichen Frauenbootgräbern.

Offenbar waren also die Bootsgräber auf eine Herrschaftslinie eines Distrikts beschränkt, und diese konnte anscheinend dem Patriarchat oder dem Matriarchat folgen.

Die soziale Stellung der Wikingerfrau 4.46/5 13

Thing Rechtsprechung

Man kann sich vielleicht darüber wundern, dass Gesetz und Recht auch in der Wikingerzeit etwas gegolten haben. Aber das Rechtsbewusstsein hatte ständig Einfluss auf die Handlungen der Menschen und rief eine Reaktion hervor, wenn es gekränkt wurde.

Man akzeptierte ein Lebensgesetz, das auf die Ehre eines Mannes und die Forderung nach Vergeltung Rücksicht nahm.

Thing Rechtsprechung
Rekonstruktion Thingplatz Schleswig-Holstein / © Clemensfranz / GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Das Christentum hatte die Gesellschaft noch nicht entscheidend geprägt, und der Begriff Frieden war nicht etwas unbedingt Gutes. Man konnte einander gute Jahre wünschen, aber wer wusste, ob Frieden immer zum Besten der Familie war?

Man konnte jedenfalls Überfällen und Morden gegenüber nicht untätig sein, denn das war die Sache der ganzen Sippe. Die Verantwortung wurde auf zwei Gruppen verteilt, nach der Verwandtschaft väterlicher- und mütterlicherseits.

Wurde ein Mann von einem anderen getötet, so war die ganze Sippe des Mörders an dem Verbrechen schuldig und wurde mit Rache von der Familie des Ermordeten verfolgt. Blutrache wäre die Folge gewesen, wenn man nicht mit Bußen vorliebgenommen hätte, die nach einem sinnreichen, wohldurchdachten System verhängt wurden.

Funktionierte das nicht, konnte es für die gekränkte Sippe ehrenvoller sein, den vornehmsten Mann in der Sippe des Mörders totzuschlagen als den Mörder selbst.

Auch die Annahme der Buße war eine Sache für die Sippe, und wenn der Mörder in erster Linie dafür verantwortlich war, dass die Buße entrichtet wurde, konnten auch seine Verwandten riskieren, außer Landes gehen zu müssen, wenn das Geld nicht ausbezahlt wurde.

Rechtsgefühl

Gleichermaßen mussten auch die Verwandten — und die Freunde — die Wahrhaftigkeit eines Mannes garantieren. Der Zusammenhalt war so grundlegend, dass Verwandte ohne weiteres vaterlose Kinder übernahmen. Das Rechtsgefühl nahm also große Rücksicht auf die Sippe als die eigentliche Grundlage der Gesellschaft.

Wenn ein Mann einer großen Familie angehörte, konnte sich sein Einfluss verstärken, besonders auf dem Thing. Hier wurde das Rechtsbewusstsein gebildet und kam es zum Ausdruck. Mit der Entstehung der Städte bekamen nicht nur die Bauern (von einem Gau), sondern auch die Städter (von einem birk) einen Ort, wo sie sich versammeln und Rechtssachen besprechen konnten.

Über diesen lokalen Thingen standen die Landesthinge, die bisweilen die endgültigen Entscheidungen treffen mussten. Jeder Landesteil hatte seine Gesetzespraxis, und das Recht galt deshalb nur innerhalb dieses Bereichs. Landesverweisung bedeutete ein Verbot, in einen solchen Landesteil zurückzukommen, der z. B. ein Gebiet wie Schonen umfasste. Bereits Ansgar machte Bekanntschaft mit der Bedeutung der Thinge.

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